06.Oktober 2007
Inselhüpfen in Griechenland von Axel Scheibe
Griechenlands geschichtsträchtige Inseln mit Zweimaster und Drahtesel erkunden | ||
Auf dieser kombinierten Schiffsreise ist Tretarbeit gefragt - als Belohnung winken dafür schöne Ausblicke über den saronischen Golf.Groß ist es nicht, unser Zuhause für die nächste Woche. Die 2001 liebevoll restaurierte "Panagiota" misst gerade mal 25 Meter in der Länge und sieben Meter in der Breite. Sieben Kabinen unter Deck und vier über Deck stehen für unsere Gruppe zur Verfügung. Auf dem zweiten Oberdeck sind die Fahrräder fest verzurrt, sie kommen erst morgen zum Einsatz. Sanft schaukelt unser Schiff in den Wellen, die an die Kaimauer in Lavrio schlagen. Wir machen uns untereinander bekannt. Eine bunte Truppe, die zur Schiffstour und zum Radeln nach Griechenland gekommen ist. Es ist Nebensaison, darum sind es nur 13 Gäste. Sie kommen aus Kanada, den USA, der Schweiz, Tchechien und schließlich auch aus Deutschland. Die Reiseleiter wissen, was sie ihren Gästen schuldig sind - so wird in den nächsten Tagen jede Mitteilung in zwei Sprachen gemacht. Mal spricht Alex Englisch und Katharina Deutsch, mal ist es umgekehrt. Die sorgenvollen Mienen der Reiseleiter und der Schiffsführung beim Meeting mit dem Seewetterdienst per Computer lassen Schlimmes befürchten. Nach dem ersten Abendessen im Salon ist es sicher: Die Kykladen bleiben für uns ein unerreichbares Ziel. "Der Wetterbericht sagt für die nächsten Tage in dieser Region eine Sturmfront voraus", erklärt Reiseleiterin Katharina. "Vielleicht würden wir morgen früh noch bis zur Insel Kythnos kommen, spätestens dort sitzen wir aber in der Falle. Ab Windstärke 6 dürfen diese Motorsegler den Hafen nicht mehr verlassen. Wenn wir Rad fahren wollen, müssen wir westlich in den Saronischen Golf ausweichen", schlägt sie vor. "Diese Inseln liegen geschützt, dort kann uns das Wetter kaum einen Strich durch die Rechnung machen." Viel Überzeugungsarbeit muss sie nicht leisten. Wir alle wollen schöne Ferientage auf dem Schiff und auf den Rädern verbringen. Auf welchen Inseln, ist uns nicht ganz so wichtig. Am nächsten Morgen pünktlich um fünf Uhr lässt Kapitän Lefteris Zagorianos die beiden je 110 PS starken Dieselmotoren anwerfen und nimmt Kurs auf die Insel Poros. Ein Stück offenes Meer muss überwunden werden, und das möglichst bevor der Wind noch mehr an Kraft gewinnt. Noch ist es relativ ruhig, trotzdem sind einige der Passagiere beim Frühstück etwas bleich um die Nase. Nach zwei Stunden flotter Fahrt - immerhin neun Knoten schafft der Motorsegler - erreichen wir im Schutz des Saronischen Golfes ruhigeres Gewässer und die malerische Hafenstadt Poros. Die "Panagiota" macht am Kai fest. Schnell sorgt die Crew dafür, dass unsere Räder abfahrbereit stehen. Es ist nicht nur der Genuss einer Schiffsreise auf dem Mittelmeer, der uns zusammengeführt hat, sondern gerade die Kombination mit den Radtouren über die Inseln. Jeder nimmt sein Fahrrad in Empfang. Sättel werden verstellt, Schaltungen getestet und Satteltaschen eingehakt. Schon kurze Zeit später starten wir zur Einführungsrunde über die Insel. Viel Historisches hat Poros nicht zu bieten, doch als Einstieg in geschichtsträchtigere Tage ist die kleine Insel perfekt. Auch der nächste Tag ist für die Natur reserviert. Eine Fähre bringt uns hinüber aufs Festland und unsere Räder in den kleinen Hafen Ermioni. Überall grünt und blüht es. Die Netze der Fischer trocknen im Hafen. Das Schönste ist immer wieder der Blick über die Inselwelt des Golfes, der uns nach einem kurzen Anstieg für den "Kraftaufwand" entschädigt. Während die Besiedlungsgeschichte dieser Inseln Jahrtausende zurückreicht und die Welt griechischer Mythen für jede Insel eine eigene Geschichte bereithält, sind es auf Spetses und Hydra besonders die Jahre des Befreiungskampfes gegen die Türken, die im Bewusstsein der Menschen lebendig geblieben sind. Unterwegs mit den Rädern können wir unser Kilometer-Konto deutlich erhöhen. Überall treffen wir auf die Spuren der Laskarina Bouboulina, die als Nationalheldin gilt. Als Kommandeurin eines Kriegsschiffs beteiligte sie sich an der Schlacht gegen die Türken im Jahr 1822. Auf Spetses erlaubt uns eine relativ gute Straße eine Umrundung der Insel. Auf Hydra müssen die Drahtesel an Bord bleiben. Hier sind nur echte Esel und Maultiere erlaubt. Alle Transporte werden von diesen Vierbeinern erledigt. Die Inselhauptstadt Hydra gehört zu den reizvollsten Orten der griechischen Inselwelt. Kaum ein Platz bietet mehr Fotomotive. Kein Wunder, dass sich der eine oder andere Maler hierher verirrt und den pittoresken Zauber der kleinen Gassen, immer belebt durch Eselskarawanen, auf Papier oder Leinwand bannt. Für die Errichtung des Aphaia-Tempels hatten sich die alten Griechen einen tollen Platz an einem der höchsten Punkte der Insel Ägina ausgesucht. Auf uns wartet ein Stückchen schweißtreibende Tretarbeit. Vorbei am prächtigen Kloster Agios Nektarios erreichen wir die sehenswerten Ruinen des Athena-Aphaia-Tempels. Einiges ist erhalten geblieben, anderes aufgrund der Arbeit der Archäologen wieder an seinen angestammten Platz zurückgekehrt. Immerhin nahm der Tempel bereits vor rund 2500 Jahren seine endgültige Gestalt an. Weit reicht der Blick über die Insel. In westlicher Richtung grüßt noch einmal die Hügelkette, über die uns der Weg zurück zum quirligen Hafen führt. Gegen acht Uhr abends erreichen wir hungrig und etwas müde unser Schiff. Die Dämmerung senkt sich langsam über die Stadt. In den kleinen Gassen füllen sich die Tische der Restaurants, und im gemütlichen Salon des Schiffes wartet manch gutes Glas Rotwein auf uns. Während wir den Tag Revue passieren lassen, ziehen leckere Düfte aus der Kombüse. Über mangelnden Appetit seiner Gäste kann sich Gerasimos Daglas, unser Schiffskoch, nicht beklagen. Radfahrer brauchen Kraft - und wir am nächsten Tag besonders. In flotter Fahrt, dieses Mal sogar unter aufgezogenen Segeln, hat uns die "Panagiota" zurück aufs Festland gebracht. Wir liegen im Hafen von Epidauros und haben vor uns die Tour hinauf in die Berge zum antiken Theater, einem der größten und schönsten seiner Art. Nicht nur das Theater mit seiner fantastischen Akustik, sondern auch das Museum erzählt viel über die Blütezeit der "alten Griechen". Nach einer mehrstündigen Überfahrt sind wir zurück in Lavrio. Ein Computerausdruck des Wetterberichts von unserem ursprünglichen Zielgebiet lässt uns schmunzeln: Sturm, viel Regen und Kälte in der vergangenen Woche. Wie richtig war die Entscheidung für den Saronischen Golf, denken wir, während wir unsere tiefgebräunte Haut mit "After Sun" behandeln. Anreise: Ab Hamburg keine Direktflüge nach Athen. Mit Umsteigen diverse Möglichkeiten. Per Bus geht es weiter nach Lavrio, wo die "Panagiota" vor Anker liegt. Bequemer und nicht viel teurer ist die Taxifahrt. Veranstalter: Radurlaub ZeitReisen, Fritz-Arnold-Straße 16 A, 78467 Konstanz, www.inselhuepfen.de. Der Radspezialist aus dem Bodenseegebiet organisiert ein breites Programm von kombinierten Rad/Motorsegler-Touren im Mittelmeerraum. http://www.abendblatt.de/daten/2007/10/06/801610.html erschienen am 6. Oktober 2007 | ||
